Die Kleinstadt

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Glosse

Hallo liebe Enkelkinder,

Die Wege des Herren sind unergründlich. Außer als er die Kleinstadt erfunden hat. Denn diesen Ort erschuf er für all Jene, die sich vor der Anonymität der Großstadt genauso fürchten, wie vor Feldern die nach Kuhscheiße stinken.

Hier ist das Leben noch “real”, jeder kennt jeden irgendwie und auf dem Stadtfest spielen Karat oder Keimzeit.

Als Kind ist es hier wahnsinnig aufregend, aber sobald sich sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden, träumt man dann doch lieber von der weiten Welt.

Wer bleibt tut es entweder aus Überzeugung oder hat den Absprung verpasst.

Und so begnügt man sich damit Bausparverträge bei der Sparkasse zu verscherbeln oder dem ortsansässigen Landarzt mit den vielen einsamen Omis, die das Wort Sprechstunde etwas falsch verstanden haben, zu helfen.

Für all Jene, die Amazon Prime nicht kennen, es aus ethischen Gründen ablehnen oder beides gleichzeitig tun, gibt es die Innenstadt. Unter der Woche aber nur bis um 6. Denn wer will so spät noch einkaufen gehen?

Stellt sich raus – mehr als gedacht. Weshalb der Supermarkt bis um acht offen hat.

Aber nicht länger. Wir sind ja hier nicht in der Großstadt.

Seit kurzem ist hier auch das Internet schnell und unter der Hand sogar noch etwas schneller. Aber wer braucht das schon.

Ihr merkt schon. Eigentlich hat man hier alles.

Aber damit sich die Stadtmaden aus dem Westen oder der Großstadt nicht zu wohl fühlen, schaffte man kurzerhand viele Einrichtungen des öffentlichen Lebens ab.

Was bleibt sind leere Fenster, ein eisiger Wind und jeden Sonntag etwa ein Dutzend Gläubige, die sich den Willen Gottes in bombastisch großen Kirchen erklären lassen.

Die Wege des Herren sind unbegreiflich.